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Interview mit Davy Michiels: 4,6 Millionen OMS-basierte Smart Meter in Flandern kurz vor der Einführung

Köln, 05.11.2018 – In Flandern (Belgien) steht die Einführung von bis zu 4,6 Millionen OMS-basierten intelligenten Zählern für Gas und Elektrizität kurz bevor. Fluvius – eine Fusion der Firmen Eandis und Infrax – wird diesen Rollout im Jahr 2019 starten. Charles van Dyck (Leiter der OMS-Marketing-Gruppe) und Dirk Sistemich (Redakteur bei MarDirect) sprachen mit Fluvius' Smart-Meter-Projektmanager Davy Michiels über diesen Prozess.

 

Erzählen Sie uns etwas über sich und ihre Rolle im Unternehmen.

 

Davy Michiels: „Nach einer 10-jährigen Karriere in der Telekommunikationsbranche kam ich 2010 zu Eandis und arbeitete hauptsächlich an Projekten im Bereich „Smart Meter“ und „Smart Grid“. Als Projektleiter bin ich für die Bereitstellung und den Einsatz der neuen Technologie im Smart Metering verantwortlich. Mein Ziel ist es, eine Smart-Metering-Lösung einzuführen, die unseren Endkunden den besten Service bietet."

 

Welche Rolle spielte die Regulierungsbehörde bei Fluvius‘ Entscheidung für den Smart-Meter-Rollout?

 

Davy Michiels: „Die Rolle der Regulierungsbehörde (VREG) ist wichtig. Während unserer Pilotphase hat die Regulierungsbehörde eine Kosten-Nutzen-Analyse (KNA) durchgeführt – wie von der Europäischen Kommission vorgeschrieben. Im Jahr 2015 reaktivierten die Regulierungsbehörde und die flämische Regierung die KNA mit der neu verfügbaren Technologie. Das führte seitens der Regierung zu der Entscheidung, dass ab 2019 die Einführung von intelligenten Zählern beginnen soll.

 

Welchen Nutzen haben die intelligenten Zähler für Fluvius und die Verbraucher?

 

Davy Michiels: „Intelligente Zähler liefern dem Kunden mehr Informationen über den Energieverbrauch. Wir wollen ein Ökosystem schaffen, in dem Unternehmen neue Anwendungen und Dienste entwickeln können, die diese Daten nutzen, um den Energieverbrauch im eigenen Haus, die lokale Elektrizitätserzeugung und -speicherung zu kontrollieren.“

 

Wie lange sollte der Rollout dauern und wann wird er beginnen?

 

Davy Michiels: „Wir werden 2019 mit der Bereitstellung von 4,6 Millionen Elektrizitäts- und Gaszählern beginnen – über einen Zeitraum von 15 Jahren. Erste Zielgruppen sind die Anschlüsse mit lokaler Produktion (PV) und Prepaid-Kunden.“

 

Sie sprachen von Gas und Elektrizität, wie ist es mit Wasser und Wärme?

 

Davy Michiels: „Wasser und Wärme sind technisch in der von uns gewählten Lösung, die auf M-Bus- und OMS-Komponenten basiert, ebenfalls möglich. Dies ist einer der Gründe, warum wir uns für den OMS-Standard entschieden haben – um die Anwendung bei Bedarf auf andere Metering- und Energiesparten erweitern zu können. Da das Laden eines Elektrofahrzeugs zu Hause einen zweiten Elektrizitätszähler erfordert, denken wir auch an einen Elektrizitätszähler (Sekundärzähler), der eine M-Bus-Schnittstelle gemäß OMS verwendet."

 

Die Elektrizitätszähler kommunizieren also mit einem vorgeschalteten, primären Zähler?

 

Davy Michiels: „Ja. Zukünftige Entwicklungen werden flexible Dienstleistungen erfordern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie für das Laden Ihres Elektrofahrzeugs einen anderen Vertrag haben werden als für Ihr Haus. Freunde oder Verwandte, die Sie besuchen, könnten Ihre Ladestation mit ihrem eigenen Vertrag nutzen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns für offene Standards und vor allem für den OMS-Standard entschieden haben: OMS macht hier wirklich den Unterschied, da viele weitere Applikationen und Anwendungsfälle in den Spezifikationen beschrieben sind. Es ist mehr anwendungsorientiert als andere technisch orientierte Standards.“

 

Haben Sie andere Standards als OMS in Betracht gezogen und wieso haben Sie sich für OMS entschieden?

 

Davy Michiels: „Ja. In der Vergangenheit haben wir eine Reihe von Konzept- und Pilotprojekten durchgeführt und Erfahrungen mit vielen Technologien gesammelt: PLC (Powerline Communication), Point-to-Point-Verbindungen und Ethernet-basierte Zähler mit direkter Kommunikationsanbindung. Am Ende haben wir festgestellt, dass OMS/M-Bus der führende Standard für Gaszähler auf dem europäischen Kontinent ist. Neben der Verfügbarkeit der Kommunikationsstandards muss auch sichergestellt sein, dass genügend Hersteller Geräte nach diesen Standards produzieren und liefern können, um den Warenfluss zu gewährleisten. Für uns ist die Installation das eine, das andere ist die fortwährende Pflege und die Unterstützung des Standards im Rahmen der kompletten Lebensdauer des Produktes. Aus diesem Grund treffen wir als Versorgungsunternehmen die klare Entscheidung für offene Standards anstelle von herstellereigenen Implementierungen. Ein zweiter, sehr wichtiger Grund für die Wahl offener Standards, die von Verbänden mit zahlreichen unterschiedlichen Mitgliedern gepflegt werden, ist – nach unserer Analyse in den letzten zehn Jahren –, dass Sicherheitsaspekte innerhalb dieser offenen Standards viel besser strukturiert sind als bei herstellerspezifischen Implementierungen.“

 

Wie wichtig ist für Sie die Interoperabilität?

 

Davy Michiels: „Interoperabilität ist ein sehr wichtiger Aspekt, denn als Versorgungsunternehmen betreuen Sie mehrere Arten von Energie. Wenn Sie intelligente Zähler installieren, müssen diese miteinander kommunizieren. Für mich ist die Datensicherheit die größte Herausforderung bei der Interoperabilität. Die Ermöglichung der Interoperabilität zwischen aktuellen und zukünftigen Produkten ist aufgrund der steigenden Sicherheitsanforderungen sehr schwierig. Interoperabilität ist ein Ziel, sie sollte aber die Sicherheitsanforderungen nicht beeinträchtigen oder herabsetzen. Als Versorgungsunternehmen können wir in Bezug auf Sicherheit und Datenschutz nicht nachgeben.“

 

Als Fluvius waren Sie der Erste in Europa, der eine Remote-Firmware-Upgrade-Funktion in Gaszählern voraussetzte – bereits in den Pilotprojekten.

 

Davy Michiels: „Auch diese Funktion ist vom Sicherheitsgedanken geprägt. Das Firmware-Upgrade für alle Arten von digitalen Geräten ist wirklich entscheidend, denn wenn Sie Softwarekomponenten einsetzen, müssen Sie in der Lage sein, diese zu kontrollieren und bei diesen höhere Sicherheitsstufen zu implementieren. Zudem müssen Sie schon vorher in der Lage sein, bestimmte Sicherheitsprobleme oder eventuell auftretende Sicherheitslücken zu beheben. Wenn Sie die Software nicht aus der Ferne verändern können, müssen Sie aufgrund des kleinsten Problems oder des kleinsten Sicherheitslecks alle Geräte ersetzen. Es gibt also einen Grund, warum wir für alle digitalen Geräte die Firmware-Upgrade-Funktionalität als obligatorisches Element sehen. Somit ersparen wir uns die Notwendigkeit, den Zähler physisch zu ersetzen; und es ermöglicht uns überdies, Sicherheitsprobleme zu beheben oder auch später neue Funktionalitäten einzuführen oder zu verändern – die Welt eines Netzbetreibers im Energiesektor unterliegt stetigen Veränderungen.“

 

Wie sieht es mit der Zertifizierung aus? Sie wissen sicher, dass bald auch für OMS 4.1.2 eine Zertifizierung möglich ist. Werden Sie diese nutzen?

 

Davy Michiels: „Ja, Fluvius wird nach (OMS-4.1.2-)zertifizierten Produkten Ausschau halten, sobald die Zertifizierungsprüfungen vorliegen und einsatzbereit sind. Nach der Auswahl dieser Spezifikation ist die Produktzertifizierung der letzte Nachweis für die Sicherstellung der Interoperabilität. Wir haben uns für den Weg der offenen Standards – OMS-basiert – entschieden, um diesen auch dauerhaft zu verfolgen und dabei jeglichen proprietären Einfluss zu vermeiden.“

 

Fluvius ist auch ein sehr aktives Mitglied der OMS-Group … 

 

Davy Michiels: „Unsere Wahl für offene Standards gilt generell sowohl für Elektrizitäts- als auch für Gaszähler. Bei den Elektrizitätszählern haben wir uns für das DLMS-Protokoll und seinen IDIS-Begleitstandard entschieden. Für die Gaszähler haben wir das M-Bus-Protokoll mit dem Begleitstandard OMS gewählt. Als wir vor drei Jahren Mitglied von OMS wurden, fanden wir heraus, dass einige Anwendungsfälle für den belgischen Markt fehlten. Durch die aktive Beteiligung unserer Experten in den Arbeitsgruppen konnten wir diese Lücken schließen. Das Ziel ist es nicht nur, Spezifikationen zu erstellen, sondern auch die Entwicklungszeit danach zu verkürzen. Sobald eine gute Spezifikation vorliegt, ist es für einen Zählerhersteller viel einfacher, ein Produkt nach dieser zu entwickeln – mit einer viel kürzeren Markteinführungszeit.“

 

Planen Sie, mit Fluvius OMS-Mitglied zu bleiben? Was ist für Sie der Vorteil, ein Mitglied der OMS-Group zu sein?

 

Davy Michiels: „Wir planen, OMS-Mitglied zu bleiben, aber wir beteiligen uns auch aktiv bei anderen Standardisierungsorganisationen. Es gibt unseren Ingenieuren einen Überblick und den Zugang zur laufenden Marktentwicklung. Es ermöglicht uns die Interaktion mit Anbietern und Smart-Meter-Herstellern; zu lernen und zu verstehen, was sich verändert und was sich in Zukunft entwickelt. Auf der anderen Seite ermöglicht es uns, auch unsere funktionalen Bedürfnisse einzubringen – mit dem Ziel, sie in die offenen Standards zu integrieren. Es ist wichtig, dass wir diese Interaktion mit dem Markt, mit den Anbietern haben. Denn wenn wir spezielle Anforderungen entwickeln und feststellen, dass sich niemand im Verband dafür interessiert, ist diese Anforderung womöglich nicht marktkompatibel. Das ist der Grund, warum wir intensiv mit Spezifikationsorganisationen wie der OMS-Group zusammenarbeiten wollen – um wirklich mitzubekommen, was machbar ist und was nicht.“

 

Hier finden Sie das Interview auf 50komma2.de

 

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Davy Michiels ist beim belgischen Netzbetreiber Fluvius für den Rollout verantwortlich. Foto: MarDirect
Handshake: Davy Michiels (Fluvius) und Charles van Dyck (Leiter der OMS-Marketing-Gruppe).